Das Unumkehrbare: Warum wir keine Zeit zu verlieren haben.

An alle Fachkräfte und Begleiter: Gemeinsam für die Familien


Wir wissen, dass Sie jeden Tag eine enorme Arbeit leisten. 

Wir wissen auch, dass die Begleitung von Sterneneltern oft „on top“ zu einem ohnehin schon überlasteten Klinik- oder Hebammenalltag kommt. 

Es ist uns bewusst, dass die Begleitung eines so schweren Verlustes Zeit und emotionale Präsenz erfordert, die im regulären Dienstplan oft gar nicht vorgesehen ist.
Dieser Respekt vor Ihrer Arbeit ist der Grund, warum wir Sterneneltern Schwaben gegründet haben: Wir wollten eine Brücke sein. Wir wollten das auffangen, was Sie im stressigen Arbeitsalltag schlichtweg nicht leisten können.
Doch damit diese Zusammenarbeit funktioniert, müssen wir über eine kritische Grenze sprechen.

Ich hoffe sehr, sie sehen diese Zeilen nicht als Angriff sondern als Impuls und Chance - für die Familien.

Ein Appell, ein Versprechen und eine Grenze des 1. Vorstandes
Ich habe diesen Verein nicht gegründet, um „ein bisschen zu helfen“. Ich habe ihn gegründet, weil ich am Grab meiner eigenen Kinder geschworen habe, dass ich nicht zusehe, wie andere Familien zusätzlich zum eigentlichen Verlust, durch fehlende und unzureichende Rahmenbedingungen traumatisiert werden - so wie wir damals vor nun 10 Jahren.
Über ein halbes Jahrzehnt kämpfen wir hier bei Sterneneltern Schwaben genau dafür. Und wir kämpfen, so fühlt es sich immer noch häufig an,  gegen Windmühlen seit nunmehr 6 Jahren. 

Der Tod meiner eigenen Kinder jährt sich nun das 10. Mal. Und genau deshalb schreibe ich hier.

Denn: Heute stehe ich an einem Punkt, an dem ich einfach ehrlich werden muss.

Zu mir und zu Ihnen und für die Familien.

Daher- an alle Verantwortlichen in der Akutbegleitung:
Fachliches Wissen vor Ort ist wichtig, aber bitte denken Sie immer daran,  es kann die Perspektive der gelebten Erfahrung niemals ersetzen.
Wir sehen Dinge, die im Berufsalltag oft untergehen, die aber für das spätere Weiterleben der Eltern entscheidend sind. 

Wenn wir erst Tage nach der Geburt, kurz vor der Beerdigung oder - wie leider in 99% der Fälle - erst nach der Bestattung eingeschaltet werden, oder die Familien uns über Google-Suche oder Mundpropaganda finden, geht wertvolle Zeit verloren, die niemand jemals wieder zurückholen kann.
Die bittere Realität unseres Alltags:

Um überhaupt gefunden zu werden, müssen wir ein hohes Man an Öffentlichkeitswirksamkeit, Werbung gewährleisten- was uns nicht nur Energie sondern vor allem auch Gelder kostet.  Die Auswirkungen wie präsent wir zeitweise sind spüren wir enorm. Während wir wenig öffentlich wirken haben wir dementsprechend wenige Familien zu betreuen, sind wir aber durch Projekte, Medien etc. öffentlich wirksam haben wir teils ein so hohes Begleitaufkommen dass wir an unsere absoluten Grenzen kommen. 

Das größte aller Probleme ist aber:
Zum Großteil erreichen uns Familien erst dann, wenn die Begleitung vor Ort eigentlich schon abgeschlossen ist. Diese Familien kommen meist mit einer immensen Erwartungshaltung zu uns – sie hoffen auf Hilfe, auf Lösungen, auf das „Nachholen“ von Abschied.
Doch wir müssen ihnen dann oft sagen: Es ist zu spät. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Wenn das Kind beerdigt ist, kann aktive Abschiednahme, Erinnerungsschaffung etc nicht mehr gemacht, nicht mehr nachgeholt werden. Wir können die Kinder nicht mehr ausgraben!

Das Traurigste ist, dass wir in den meisten Fällen dann Familien erleben, die traurig nach Hause gehen in dem Wissen tatsächlich nicht alle Möglichkeiten gekannt zu haben. 
Sicherlich machen viele von euch inzwischen Bilder, rufen Fotografen, bieten Abdrücke an oder legen Erinnerungsmaterial aus. Das ist ein wichtiger Anfang, keine Frage, aber es ist nicht das Nonplusultra.
Materielle Dinge sind kein Trost für eine verlorene Zeit oder vollumfassende Beratung.
Im Gegenteil: Wenn der Fokus nur auf dem "Festhalten-Wollen" durch Gegenstände liegt, wertet das so oft den eigentlichen Verlust ab.
Was Eltern wirklich brauchen, ist Zeit. 

Und  hier muss ich das so hart sagen: Zeit schenkt man nicht, indem man die Kinder in der Kühlung lässt oder den Eltern etwas zum Festhalten ans Bett legt.
Dass diese Eltern erst durch uns erfahren, welche Möglichkeiten (wie z.B. das Cuddle Cot, Wassermethode, oder die Zeit/Aufbahrung zu Hause, der Einbezug der gesamten Familie , Bestattungsmöglichkeiten und Varianten etc.) sie eigentlich gehabt hätten, reißt nicht selten neue, tiefe Wunden auf.
Dieses „Hätten wir das doch nur gewusst“ ist eine Last, die vermeidbar gewesen wäre.


Ich ziehe hier eine Grenze:
Wir können kein Reparaturbetrieb für versäumte Aufklärung und verlorene Zeit sein. Wir wollen auch nicht mehr weiter zusehen müssen wie die Familien welche überhaupt später die Kraft finden sich hier zu melden mit diesen bitteren Enttäuschungen - wenn sie spüren dass wir keine Wunder vollbringen und ihre Trauer verschwinden lassen können- nach Hause gehen. 

Wie sie teilweise durch diese Erkenntnis viel versäumt zu haben noch tiefer fallen.
Wir wollen die Familien gemeinsam mit allen Begleitern schützen, aber dafür müssen wir sofort eingebunden werden – beim ersten Verdacht, bei der ersten Diagnose - dann eben wenn AKUT - Hilfe noch möglich ist.
Mein Versprechen an meine Kinder gilt weiterhin. Ich werde nicht schweigend zusehen, wie durch Zögern oder die Fehleinschätzung, „selbst alles abzudecken“, vermeidbare Traumata produziert werden.
Aber ich und wir alle können nicht zaubern! Würden wir es können, würde es keine Sternenkinder geben!
Bitte gebt den Eltern die Chance auf einen Abschied ohne lebenslange Reue.

OHNE: "Hätte ich doch nur gewusst...."

Ihre Anna-Maria





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